In Kolumbien weiten sich die von Indigenen angestoßenen Proteste aus. Landesweit haben geschätzt mehr als 20 000 Mitglieder verschiedener Ethnien, Kleinbauern und Afrokolumbianer (kurz: Afros) wichtige Verkehrsstraßen blockiert. Das Epizentrum lag bislang in der Provinz Cauca. Dort organisiert der Indigenenverband (CRIC) seit rund drei Wochen die Besetzung der Panamericana, der Hauptverkehrsader zwischen der Millionenstadt Cali und der ecuadorianischen Grenze im Süden des Landes.

Von Beginn an, so der Nationale Indigenenverband (ONIC), habe die Polizei die Proteste kriminalisiert. Fast täglich kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Aufstandsbekämpfungspolizei ESMAD, die nicht nur gegen die Blockaden vorgeht, sondern auch Protestcamps gewaltsam zu räumen versucht. Am Dienstag starb der 20-jährige Deiner Yunda Camayo. Der Schuss wurde dem Anschein nach von einem Mitglied des ESMAD abgefeuert. Camayo ist nicht das erste Opfer. Neun Indigene und ein Polizist verloren im Rahmen des »Minga« genannten Streiks bislang ihr Leben.

Die Gründe der »Minga« sind vielfältig. Die Indigenen fordern mehr staatliche Ausgaben zur Verbesserung ihrer Lebensumstände, unter anderem mehr kollektiven Landbesitz. In dieser Frage sehen sie sich in Cauca der mächtigen Zuckerrohrindustrie gegenüber. »Im Kern ist der Konflikt einer um Territorien. Es geht um die Kompetenzen der Mitbestimmung der Indigenen, Afros und Bauern bei Fragen der Umwelt, der Bodennutzung, strategischen Ressourcen und öffentlicher Ordnung«, erklärt der Aktivist Juan Houghton, der die indigenen Organisationen seit Jahren begleitet.

Doch es geht um mehr als lokale Probleme: Die »Minga« fordern, so Houghton, die Regierungspolitik von Präsident Iván Duque heraus: Gegen Extraktivismus, die anhaltende Gewalt gegen Sozialaktivisten und nicht zuletzt die Gefährdung des Friedensprozesses. Duque hat nicht nur die Gespräche mit der ELN-Guerilla beendet, er will auch die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden schwächen, die als eine der wichtigsten Pfeiler des 2016 geschlossenen Friedensabkommens mit der FARC gilt.

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