Das Wasserkraftwerk Hidroituango liegt in einer vom bewaffneten internen Konflikt Kolumbiens gezeichneten Region

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Alarmsirenen, Flutwellen, Evakuierungen, zerstörte Schulen und Häuser. Die Situation beim Bau des Wasserkraftwerks Hidroituango ist außer Kontrolle geraten. Das Prestigeprojekt der Stadtwerke Medellín (EPM), das ab 2021 2400 Megawatt Strom produzieren und damit 17 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes abdecken sollte, steht vor einer Katastrophe. Wenige Monate vor der Inbetriebnahme ist der letzte verbliebene Umleitungstunnel verstopft. Durch ihn sollte der Río Cauca, Kolumbiens zweitgrößter Strom, während der Fertigstellung des letzten Teils der 225 Meter hohen Staumauer geleitet werden. Weil Bemühungen scheiterten, bereits geschlossene Tunnel wieder frei zu sprengen, läuft das Staubecken derzeit unkontrolliert voll. Die Wassermassen des Cauca drücken auf die Durchflüsse. »Darüber, was im Inneren des Bergs passiert, haben wie keine Kontrolle«, gab ein Vertreter von EPM gegenüber der Zeitung »El Colombiano« zu.

Bei zwei Flutwellen vergangene Woche entstand bisher lediglich Sachschaden. Doch mindestens 60 Häuser in der Ortschaft Puerto Valdivia wurden ebenso zerstört wie mehrere Brücken. In einem Brief an Präsident Juan Manuel Santos warnten der Geschäftsführer von EPM, Medellíns Bürgermeister und der Regionalgouverneur der Provinz Antioquia vor einer Katastrophe. »Es ist zu einer kritischen Situation des Projekts gekommen, welche sehr ungünstige Szenarien darstellt und die eine Tragödie flussabwärts verursachen könnte«, heißt es in dem Schreiben. Tausende Anwohner wären von einer Flutwelle bedroht.

Rund 600 Personen verloren bislang ihr Obdach. Die Behörden riefen den Notstand aus und bildeten einen Krisenstab. EPM sagte, man sei in höchster Alarmbereitschaft.

Zahlreiche Politiker äußerten Kritik an dem Unternehmen. Daniel Quintero Calle von der Liberalen Partei warf EPM vor, um Verzögerungen aufzuholen, habe man weitere Umleitungstunnel zu früh verschlossen. Bei der Organisation Rios Vivos, die seit Jahren gegen das Projekt protestiert, hieß es, man habe seit langem vor den Risiken des Staudamms in der geologisch instabilen Schlucht gewarnt.

In der Not wird der Fluss derzeit durch das noch nicht fertiggestellte Maschinenhaus, das technische Herzstück des Kraftwerks, geleitet. Dabei dürfte erheblicher Sachschaden entstehen, zu dem EPM bislang ebenso wie zu den wirtschaftlichen Zusatzkosten keine Angaben gemacht hat. Man verfüge über gute Versicherungen, betonte EPM-Geschäftsführer Jorge Londoño. Erst Ende vergangenen Jahres hatte EPM einen Kredit über eine Milliarde Dollar erhalten, die ein Konsortium aus Interamerikanischer Entwicklungsbank, einem Entwicklungsfonds der chinesischen Regierung und einer Gruppe internationaler Banken bereitgestellt hatte. 100 Millionen Dollar kamen dabei auch von der KfW-IPEX-Bank, einer Tochtergesellschaft der staatlichen deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Bislang war das Projekt der große Stolz der Stadtwerke gewesen, die sich innerhalb eines Vierteljahrhunderts vom lokalen Wasserversorger Medellíns zu einer transnationalen Unternehmensgruppe gemausert hat. Heute ist EPM der größte Strom-, Wasser- und Gasversorger Kolumbiens und hält Anteile und Tochterunternehmen in mehreren Ländern Lateinamerikas. 2017 fuhr das Unternehmen, dessen Mehrheitseignerin nach wie vor die Stadtverwaltung Medellín ist, einen neuen Rekordgewinn ein. Ein Drittel davon fließt in die Kassen der Stadt. Und auch mit dem bei Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten umstrittenen Staudammprojekt Hidroituango will man die Region entwickeln und weiter in Straßen und Krankenhäuser investieren.

»Hidroituango trägt zur Dynamisierung einer Gegend bei, die sich durch eine schwache territoriale und institutionelle Artikulation und die Präsenz illegaler Akteure ausgezeichnet hat«, betont Unternehmenssprecher Juan José Garcia gegenüber »nd«.

Isabel Zuleta von Rios Vivos sieht das anders. »Wie viele Flüsse in Kolumbien ist der Rio Cauca ein Massengrab, und die Regierung will die Erinnerung und die Wahrheit überfluten«, sagt sie. Denn in der Region haben in den vergangenen Jahrzehnten 62 Massaker mit mehr als 370 Toten stattgefunden. Über 500 Anzeigen zu sogenannten »erzwungenen Verschwundenen« liegen der Generalstaatsanwaltschaft vor. Die Guerilla war hier aktiv, bis heute operieren Paramilitärs. Vier Aktivisten von Rios Vivos, wo zahlreiche Kleinbauern, Goldwäscher und Fischer der Region organisiert sind, die eine angemessene Entschädigung fordern, wurden in den vergangenen Jahren von Unbekannten ermordet. Zwei von ihnen erst vor wenigen Tagen.

Deutsche Menschenrechtsorganisationen nehmen angesichts der Situation der lokalen Bevölkerung auch die KfW-IPEX-Bank in die Pflicht. Die Bank müsse, so Alexandra Huck vom Berliner Verein Kolko gegenüber »nd«, »dafür sorgen, dass wirklich alle Betroffenen angemessen entschädigt oder umgesiedelt werden – und zwar gemäß internationalen Standards und noch bevor sie ihre Lebensgrundlage verlieren.« Die Bank teilte mit, die Kreditvergabe sei nach den bankeigenen Nachhaltigkeitskriterien und den Äquatorprinzipien erfolgt, einem freiwilligen Regelwerk von Banken zur Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards. Die Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen ist darin nicht verankert.